Artikel des Monats

Text "20 Jahre nach dem Fall der Mauer"
von Asteris Kutulas

IM OSTEN GEHT DIE SONNE AUF...
Unmelancholisches Statement 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer

Man lebte in der DDR in einer „gerechten Gesellschaft“, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beendet worden war. In der „Geld keine existenzielle Rolle spielte“, in der die soziale Grundversorgung des Menschen – wie das Bildungs- und das Gesundheitssystem – garantiert wurde. In der es kein Privateigentum an Produktionsmitteln und keine Arbeitslosigkeit mehr gab und man „gemeinsam“ als „Volk“ siegesgewiss in die Zukunft blicken konnte. Lebte man in der DDR, stand man auf der „guten Seite“. Das „Böse“, das „Reaktionäre“, der Kapitalismus, war „drüben“, längst überholt, er gehörte zum alten Eisen der Geschichte. Etwas fehlte allerdings. Dieses Milligramm, das mehr und mehr Menschen vermissten, hieß „Freiheit“: Redefreiheit, Reisefreiheit, Konsumfreiheit – was auch immer ... Es trug entscheidend dazu bei, dass letztendlich sehr viele DDR-Bürger im Kapitalismus die erstrebenswertere Gesellschaft sahen. Das Erlebnis „Mauer“ spielte bei dieser Sicht auf die Dinge eine entscheidende Rolle: der „antifaschistische Schutzwall“, ein Bollwerk, von dem es hieß, es sei gegen den äußeren Feind gerichtet, errichtet gegen die Bedrohung aus dem Westen, gegen Kriegstreiber, Menschenhändler, Kriminelle; ein Bollwerk, das vor allem aber dazu diente, die Menschen auf der Seite der Mauer, wo die Sonne aufging, vor sich selbst zu schützen, vor ihren eigenen Gedanken, Ideen, Worten, Begehrlichkeiten. Die DDR-Bürger wussten das – und viele nahmen das in Kauf, eine Zeitlang.

„Im Osten geht die Sonne auf – im Westen geht sie unter“, das war klar gestellt und die Mauer eine Bruchstelle zwischen zwei Gesellschaftssystemen. Diese unnatürliche Entzweiung eines Volks sollte über kurz oder lang unerwünschte Folgen haben, als das Wünschen schon nicht mehr viel half: Die „Diktatur des Proletariats“ verlor die Schlacht gegen die „Diktatur des Kapitals“, einfach weil letztere dem Einzelnen mehr Möglichkeiten zum Konsum und mehr Freiheit bieten konnte – dem hatte die „Diktatur des Proletariats“ offenbar nichts entgegenzusetzen. Im Osten wurde versucht, ab 1973 den „Konsum“ als neue Staatsdoktrin zu installieren, den Kapitalismus auf eigenem Terrain zu schlagen, und die Losung ausgegeben: „Ich leiste was, ich leiste mir was.“ Aber den Kapitalismus überholen, ohne ihn einzuholen, wie es die DDR-Führung in totaler Verkennung der Lage verlangt hatte – das war nicht zu schaffen. Man hechelte ihm wie einer Fata Morgana hinterher, spielte ihm somit in die Hände und schlug sich dabei à la Erich Honecker heldenhaft auf die Brust: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ In welchem Lauf und wohin, das wusste selbst Honecker schon längst nicht mehr.

Die DDR-Führung war schlichtweg unfähig, das vielgepriesene Volkseigentum effektiv zu verwalten und zu mehren; die Wirtschaft nach vierzig Jahren DDR völlig marode, sie brach zusehends in sich zusammen. „Meine Hand für mein Produkt“, so hieß es auf Plakaten – und die Menschen im ganzen Lande spöttelten: „Dann hätte so mancher schon keinen Arm mehr“. Satt hatte man schließlich dieses ganze System mit seinen „Aktivisten“ und seinen „Verbesserungsvorschlägen“, die dazu dienen sollten, den West-Kaffee und die West-Jeans nachzuahmen, abzukopieren, neu zu erfinden. Die Menschen entschieden sich letztendlich für das Original. Der Himmel war geteilt und die Hoffnung schon lange in den Spalt zwischen den Hälften gefallen. Schließlich fiel 1989 auch die Mauer – unter anderem und vor allem, weil die Ost-Bürger die Westmark haben wollten, mit all ihren Verheißungen ... Es war die Bankrotterklärung des „real existierenden Sozialismus“.

Dieser scheiterte, weil er ökonomisch nicht überlebensfähig war, er scheiterte jedoch auch als „Utopie“ – aber nicht wegen der Probleme, die es im Sozialismus zuhauf gegeben hat, sondern wegen der Art, wie mit ihnen ideologisch und politisch umgegangen wurde. Eines dieser Probleme bestand darin, eine bestimmte Realität um sich herum zu haben und in den sozialistischen Massenmedien diese Realität niemals widergespiegelt zu finden. Ein anderes, dass eine Handvoll von vergreisten, bis auf die Knochen kleinbürgerlichen Herren der Parteielite sich das Recht nahm, „ihrem“ Volk vorzuschreiben, wie es zu denken, was es zu lesen und wie es zu leben hatte. Ein weiteres Problem war, dass auch „der sozialistische Alltag“ durch diese Führungsriege reguliert wurde, die seit Jahrzehnten jeden Kontakt zu eben diesem Alltag verloren hatte. Aber auch, dass man nicht auf das System oder auf „Honecker“ fluchen konnte, ohne Angst zu haben und Konsequenzen fürchten zu müssen – dafür sorgten 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit sowie über 100.000 sogenannte Inoffizielle Stasi-Mitarbeiter, die ihr familiäres Umfeld und den Freundeskreis ausspionierten. Das scheinen alles vielleicht „Bagatellen“ zu sein, ich weiß, aber diese „Details“, mit denen die DDR-Bürger tagtäglich zu tun hatten, entschieden letztendlich den Kampf der Systeme.

So war es vielen unbegreiflich, wie Erich Honecker, der zu DDR-Zeiten im für keinen Normalsterblichen zugänglichen Wandlitz seine West-Pornos guckte und nach dem Fall der Mauer die demokratischen Errungenschaften der Bundesrepublik ganz selbstverständlich und ohne Scham in Anspruch nahm, seine Ausreise nach Chile 1993 mit den Worten begründete: „Es ist doch das Normalste dieser Welt, dass der Vater zu seiner Tochter reist“. Genau dieses Recht hatte er jahrzehntelang den DDR-Bürgern vorenthalten und auf alle, die sich dieses Recht nehmen wollten, schießen lassen. Aber auch Pornos waren in der DDR verboten – sie waren mit der „sozialistischen Moralauffassung“ nicht zu vereinbaren. Im Nachhinein wirkt es ziemlich kurios, ja wie eine Marotte der Geschichte, dass sich die Altherrenriege, die die DDR regierte – die Honeckers, Sindermanns und Mielkes –, über Jahrzehnte als Inkarnation der sozialistischen Revolution und als Sachwalter des kommunistischen Ideals präsentierte – und, in diesem pervertierten Glauben gefangen, von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt war. Und so wurden sie, die mit dem Argument des "Antikommunismus" jede Kritik an ihrer Politik im Keime erstickten, selbst die größten Antikommunisten und Totengräber einer millionenfachen Hoffnung und eines ursprünglich humanistischen gesellschaftlichen Entwurfs.

© Asteris Kutulas, November 2009

 

Im September veröffentlichte ich einen Text (Vergiss nicht Oropos) von Ina Kutulas. Es folgen - aus Anlass des 100.Geburtstags von Jannis Ritsos (1909-1990) - die drei August-Texte, geschrieben von Annett Gröschner, Peter Geist und Peter Wawrzinek.

Asteris Koutoulas


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Ina Kutulas
Vergiss nicht Oropos
Vorgestern in drei Teilen

I
Über die Junta in Griechenland zu schreiben ist, als versuche man, „dahin zu gelangen, wohin man nicht kann“, also etwas zu tun, von dem man weiß, dass es unmöglich ist.
So oft ich mich in Griechenland aufhielt – zuletzt von 2005 bis 2006 –, hörte ich beinahe nie jemanden über die Zeit der Diktatur reden.
Theodorakis stellt in dieser Hinsicht für mich eine Ausnahme dar. Je länger ich in Griechenland wohnte und je mehr mir bewusst wurde, wie kurz die Zeit der Junta erst zurück lag, desto mehr erstaunte mich dieses Schweigen. Ging es um die massiven Alltagsprobleme der griechischen Gesellschaft, erwähnte man die Zeit der Türkenherrschaft, die Zeit der Kleinasiatischen Katastrophe, die Zeit der deutschen und der italienischen Besatzung, die Zeit des Bürgerkriegs. Und die Zeit, da in der jüngeren griechischen Geschichte ein Staatsmann regiert hatte, dessen Frau wesentlich jünger an Jahren war als dieser. Während meiner Zeit in Athen riss täglich jemand die Arme hoch und schrie: „Ein Irrenhaus ist das hier! Irre! Irre! Schizophrenie!“ Und jedes Jahr am Tag des Polytechnikums Krawalle in der Innenstadt.
Will man etwas über die Diktatur in Griechenland erfahren, muss man fragen. Und oft kann es sein, dass man dann eine Geschichte erzählt bekommt, an deren Ende der Erzähler lachen muss. Kein Zufall, dass Ritsos ein entsprechendes Gedicht mit „Das Lachen“ betitelte. Und auch, dass er schrieb: „Erotische Schreie der Frösche / in den Nächten der Diktatur“. Das Seltsame ist, dass – nachdem ich Ritsos’ Verse und nachdem ich Theodorakis’ Verse des Zyklus „Sonne und Zeit“ sofort verstanden hatte, ich die Welt immer weniger verstand. Oder immer mehr? Und wenn ich dieser Tage jeden Vormittag eine Amsel sich niederlassen sehe im Geäst des Lindenbaums vor dem Fenster des Zimmers, in dem ich sitze und schreibe, und wenn ich zuhöre, wenn sie zu singen beginnt, dann finde ich eine Antwort auf die Frage, warum es schwer ist, über die Erfahrung Diktatur zu sprechen. Man kann es nur, wenn man weiß, was genau es bedeutet, wessen man beraubt wird, wenn statt der eigenen Person nur noch der Amsel auf dem Zweig im Baum vor dem Haus oder der Amsel in einem entfernt stehenden Baum gestattet ist zu singen, was zu singen ist.

II
Noch nachts zeigte das Thermometer an diesem Tag im Frühling 2006 einundzwanzig Grad.
Irgendwann zwischen sechs und sieben Uhr abends fuhren wir los. Es waren etwa fünfundfünfzig Kilometer bis Oropos. Der Weg durch Athen – Enge, Schmiere, Staub und der Verfall noch nicht sehr alter Gebäude, Menschen, hockend, herumlungernd oder schwere körperliche Arbeit verrichtend, ihre Haut von tiefdunkler, brauner Farbe.
Wir bezahlten die Maut der Attiki Odos. Efrosini führte, wie fast immer, wenn sie diese Straße nahm, eine kurze Unterhaltung mit der Frau im kleinen Schalterhäuschen, die kassierte. Diese, herausgeputzt wie für eine Party, gab bereitwillig Auskunft darüber, wie viele Kilometer es noch wären bis Oropos, je nachdem, ob man da oder dort lang fahre. Mit dem Entrichten der Gebühr schienen wir uns gleichsam vom beklemmenden Anblick der zerschnittenen Stadt losgekauft zu haben, in deren Wunden irgendwann Salz gestreut worden war. Athen hat das Zerklüftete eines Riffs an sich, in dem noch allerhand Leben ist, das aber vom vergifteten Wasser, unter dem es steht, beständig zersetzt und getötet wird. Massen sind aufgeschichtet, eine die andere überlagernd. Leben, hunderttausendfach in kleinen Zimmern, ohne ein einziges Bild, mit weniger als vier Büchern, mit einer einzigen Topfpflanze, die zu hegen schließlich niemand mehr Muse hatte und die aufgegeben wurde, mit Milliarden von Bettdecken aus Chemiefaser und Flaschen mit Chlorreinigungsmitteln, mit Glasscheiben jeglicher Größe und unterschiedlichem Grad von Verstaubung, mit Balkonen und Nischen, in die der Schuhschrank und der Wischmopp gezwängt wurden, irgendein kippliger Stuhl, das Sinnbild der ganzen Misere, Autostraßen, die sich heroisch aufschwingen: „Wir bringen Sie bis ans Ende der Welt.“ Aluminium, Aluminium, Aluminium, Aluminium und die ewige Lobpreisung schmiedeeiserner Gitter, die Gemahnung: „Vergiss nie, dass auch deine Wurzeln in einem unserer Dörfer liegen, in unserer Erde, an unserem Herdfeuer.“ Der Schmied Hephaistos macht tagsüber eine gewichtige Miene und dröhnt sich abends zu. Der große Schmerz fast aller Griechen: Nicht Herr zu sein im eigenen Land. Niki, hinten im Auto, halb liegend, mit Kopfhörern, aber dennoch an der Unterhaltung teilnehmend, Irini, die in Ermangelung eines Autoradios vorschlug, Witze zu erzählen, irgendwann Hunger bekam und immer wieder fragte, ob es wohl irgendwo in Oropos eine Souvlaki-Bude gäbe, wo man mal schnell anhalten könnte. Efrosini, die sich auf den Verkehr konzentrierte und, was selten vorkam, angespannt fuhr, ab und an erwähnend, dass sie in ihrem Leben vor langer Zeit mal in Oropos gewesen war und sich vor allem daran erinnert, dass es dort Grün gegeben habe, die aber die übrige Zeit ihre Tochter Niki aufforderte, ein bisschen zu schlafen, nachdem diese in der Nacht zuvor erst um eins ins Bett gegangen war, weil sie noch eine Ausarbeitung für die Schule zu machen hatte, und wegen deren Panik bezüglich der schulischen Anforderungen es kurz zuvor im Haus der Großeltern eine erregte Unterhaltung gegeben hatte:
„Ich hab überhaupt kein eigenes Leben mehr!“ – „Ja, aber niemand hat ein eigenes Leben“, entgegnete Frau Angeliki, die Großmutter. „Was dachtest du?! Das Leben ist Kampf ums Dasein, die ständige Auseinandersetzung mit Problemen, und das ist letztendlich auch die einzige wahre Freude im Leben: wenn du mit den Schwierigkeiten fertig werden kannst. Und dazu brauchst du Bildung.“ Darauf Niki: „Ja, aber wir lernen ständig Daten, Daten, Daten und nochmals Daten. Ich vergess das wieder. Wir haben’s vor zwei Monaten in uns reingefressen, und schon jetzt erinnert sich niemand mehr daran. Wir haben ja keine Beziehung zu diesen Sachen. Erst neulich hat unsere Lehrerin, die Frau Kouka gesagt, wie seltsam ihr das vorkommt, dass uns das überhaupt nicht zu bewegen scheint. Sie erzählte uns etwas über eine Zeit, die sie erlebt hat, die noch gar nicht lange her ist, und auf einmal stellt sie fest, dass sie mit dieser Erfahrung, dieser für sie lebendigen Geschichte, dieser Erinnerung allein ist. Ihre Worte erreichen uns nicht. Wir können damit nichts anfangen. Wir haben anderes im Kopf.“ Frau Angeliki: „Aber wenn du deine Vergangenheit nicht kennst, kannst du dir auch von deiner Zukunft keine Vorstellung machen. Gut, du lernst die Daten und vergisst sie; aber eines Tages erinnerst du dich wieder an etwas - wenn du es brauchst. Und dann hast du es parat, weil es einmal durch deinen Kopf gegangen ist. Es liegt da eingespeichert, für später.“ Niki: „Was heißt: später?! Was heißt: Zukunft?? Haben wir überhaupt eine Zukunft? Kuck dir meinen Vater an und seinen Freund. Die sind beide fünfzig, nehmen jeden Tag Drogen und haben sich aufgegeben. Ihr einziges Problem ist, wie sie an den Stoff kommen. Meine Freundin Alexia, die gerade sechzehn geworden ist, sagt, sie will auf keinen Fall alt werden. Höchstens fünfundfünfzig. Besser noch: höchstens fünfzig. Denn man ist nichts mehr wert, wenn man Falten bekommt und ein paar Kilo zuviel hat. Von sechzehn Schülern, die wir in der Klasse sind, haben zwölf Geschichte abgewählt, weil das bedeutet, dass sie andernfalls bis sonst wann nachmittags Schule hätten. Und wenn ich euch so reden höre: ‚Du musst dies wissen und das, sonst warten schon hundert andere, die an deiner Stelle den Studienplatz kriegen oder die Arbeit und das Geld, das Haus, die es sich leisten können, eine Familie zu gründen ...’ Man muss sich mit Bildung vollstopfen, ohne am Schluss über irgendwas richtig Bescheid zu wissen, ohne überhaupt Freude daran zu haben, was über die Welt zu erfahren. Abgesehen davon, dass jede Sekunde eine Bombe hochgehen kann oder du überfallen wirst oder der Arzt dich in einem Krankenhaus verrecken lässt, weil du kein Schmiergeld zahlen willst oder kannst. Mit der Schule ist es nicht zu schaffen. Ich mach mich tot. Ständig heißt es: ‚Du könntest nachmittags noch mehr tun; telefonier nicht ständig; an den Wochenenden kannst du noch was machen, in den Ferien.’ Ich ersticke an all dem Französisch, Englisch, Griechisch, Deutsch, Mathe, an Trigonomie, Geschichte und und und. Und wofür? Hab ich überhaupt eine Chance? Ihr, die ihr ständig auf mich einredet, wo seid ihr denn hingekommen mit eurer Angst vor den Ärzten, vor dem Alter, vor der Straße, vor Genfood, vor ausgeplünderten Wochenendhäusern, vor Flugzeugentführungen, vor Kinderschändern und dem falschen Bürgermeister, vor dem bösen Augenblick? Was nützt euch eure Bildung? Das, was jetzt unsere Gegenwart ist, war irgendwann eure Zukunft, für die ihr euch abgerackert habt wie die Blöden. Für euch und für uns, die wir undankbar sind und glauben, dass wir die letzte Generation auf dieser Erde sind. Und? Dass ich jetzt französische Geschichte lerne, ist es das, was jetzt Not tut? Ist das mein bester persönlicher Beitrag zur Rettung unserer Erde? Ich habe keine Angst. Ich will mein Leben noch genießen, bis der böse Tag da ist. Denn wenn ich eure Trauermienen sehe, weiß ich, dass es bald aus ist. Euer Weg war falsch. Sagt mir nicht, dass ich eine Hoffnung bin, denn über diese Hoffnung habt ihr damals vergessen, einen Vertrag mit den anderen um euch herum abzuschließen ...“
Frau Angeliki nach einer Weile: „Ja, aber weißt du, die Revolution 1827 in Griechenland wurde entscheidend angestoßen von den Griechen, die in Frankreich, in England und anderswo außerhalb Griechenlands lebten, Menschen, die, weil sie den Wert ihrer Kultur kannten, sich dafür eingesetzt haben, dass ihr Land von den Okkupanten befreit wird, um die Kultur ihrer Heimat nicht dem Untergang preiszugeben. Und die konnten das wegen ihrer Bildung und ihres Wissensdurstes – und nicht, weil ihnen der Kopf vom Leben schwer geworden war.“
Niki: „Sehr richtig. Und wo ist sie jetzt, diese Kultur? Hier, in deinem Wohnzimmer oder in deiner Küche? Oder bin das etwa ich mit meinem Kinderzimmer?“
Mir war während der Fahrt nach Oropos, als sei ich keine Sekunde „richtig“ aus Athen heraus gekommen. Wieder und wieder Gebäude von Firmen, die etwas herstellen oder vertreiben, einige Büros, Hotels, dazwischen Wohnhäuser für ein paar Familien - eine ihre Fortsetzung ständig weiterverfolgende Kette, durch die sich die Rückverbindung zu Athen mit all seiner Hässlichkeit des Zweckmäßigen alle paar Augenblicke neu herstellt.
Erst, als wir von dieser Straße abbogen, kamen wir in eine Gegend, in der noch das vorherrschte, an das Efrosini sich erinnert hatte: Grün. Unmassen von Ginsterbüschen, die blühten in einem fetten Gelb, ein überwachsener Hügel in der hellen, bleichen Farbe der Trockenheit, wie geformt von Gottes Hand zu einem Archetypen von einem Hügel. Konstandine, dine dine. Zypressen, Feigenbäume, Pappeln, Disteln, die schon abblühten, ein Artischockenfeld, die Überbleibsel der Ostermargeriten, Mohnblumen in einem Grasfeld. Pinien und Pinien, ein Pinienwald, in dem rote Kühe weideten, sehr große Bäume und immer mehr kleine Kirchen „Zum Heiligen“ und „Zur Heiligen“, ein Erholungsheim für ältere Menschen, halb eingefallene Feldsteinmauern und Eisenzäune.
Wir sagten, dass wir uns fühlten, als seien wir plötzlich auf der Peloponnes. Dann zwanzig Kurven, und wir waren unten in Oropos, das ausgestattet ist mit allen Geschäften einer Kleinstadt, einschließlich der vielen mit Nähbedarfsartikeln, Kurzwaren und Textilien aller Art. Gia na min kriossis. Efrosini fragte mindestens zehnmal nach dem Weg, und wenn niemand zum Fragen da war, gab sie sich selbst die Antwort. Irgendwann Nikis Aufschrei, der uns aus unserer Ratlosigkeit aufschreckte und für einen Augenblick glauben machte, sie könnte einen Bekannten erspäht haben, von dem sie wusste, dass er sich auskennt. Tatsächlich aber hatte sie aus einer Zeit, als sie einmal mit der Schulklasse hierher einen Ausflug gemacht hatte, ein Eiscafé wiederentdeckt. „Siehst du“, sagte Efrosini. „Das bleibt hängen, wenn man mit den Kindern einen Exkurs in die Natur unternimmt: das Eiscafé, in dem der Junge mit dem dunkelblauen Basecup gesessen hatte, während im Radio „Frozen“ von Madonna lief.“
Die Straße, die am Meer entlang führte, die Fährenanlegestelle, die Bäckerei, die Taverne gegenüber und endlich die Souvlakibude, nach der Irini die ganze Zeit Ausschau gehalten hatte. „Halten wir hier mal an?“ Wortloses Einverständnis. Warten, rauchen, in der Tasche kramen. Dann weiter. An der Gärtnerei endlich eine Auskunft: „Zurück. Und an der Kirche den anderen Weg nehmen. Ja, die Schule. Theodorakis kommt. Ja, wir haben so was gehört.“ Irgendwo, unter einem sehr weiten Stück Himmel, neben einem Stück Land, auf dem unendliche Reihen wahrscheinlich verlassener, mit Schilf zugewachsener Gewächshäuser standen, in Reihen parkende Wagen, ein Polizist, der uns lässig weiterwinkte, kaum dass Efrosini den Mund aufgemacht hatte. Dann das nagelneue Schulgebäude, das in meinen Augen so aussah wie in Griechenland alle Schulen neuerer Bauart. Ein bisschen Bauhaus, was sympathisch ist, ein bisschen Belanglosigkeit, was deprimierend ist, und der typische Eiscreme-pastellfarbene Anstrich und die Gitter, was nicht zu ändern ist.
Wir stiegen aus dem Wagen, nahmen Taschen und Jacken mit „für dann“ und gingen in die Richtung, aus der die Stimme des Redners am Mikrofon kam. Nach zwei Minuten waren wir durchs Tor auf das Gelände gelangt, wo auf dem Platz vor dem Schulgebäude etwa zweihundert weiße Plastiksessel aufgestellt waren. Eltern mit Kindern, Schüler mit Halstüchern. Ein kleiner Junge, der panisch nach seinem Onkel rief, dann der Onkel, Musiker, Menschen, die einfach nur so vorbeigekommen zu sein schienen, Kameraleute, Männer in Anzügen. Menschen, die sich zurechtgemacht und damit so etwas wie ein Ritual vollzogen hatten. Fönfrisuren, das Make-up, die blank geputzten Schuhe. Verfall, das Trotzen dagegen, damit zugleich das Bewusstsein gegenüber dem Verfall offenbarend. Eine Frau mit roter und blauer Schminke in einem wächsernen Gesicht. Das Muttermal auf der Wange des Redners. Die hellblaue Farbe von Theodorakis’ Hemd, die im Reversausschnitt aufleuchtete. Ein Feldherr, der im Innersten seines Herzens Pazifist ist. Der Farbton der Hose, der ganz leicht von dem des Jacketts abwich. Ich schaute jemanden, der während eines seiner drei Leben wenige Kilometer entfernt von der Stelle, wo er jetzt stand, gedemütigt worden war und sich wieder aufgerichtet hatte wie ein mit Macht nach unten gebogener Zweig an einem Baum, nahe dem Wasser, der befreit in die Höhe schnellte, als eine leckende Welle ihn traf und losmachte.
Die Situation glich der eines Fußballfeldes, bei dem das Schulgebäude und ihm gegenüber die Konzertbühne die beiden Tore bildeten, zwischen denen die Leute auf den Stühlen saßen oder herumstanden. Es herrschte eine gehobene Stimmung: „Wir sind mehr als glücklich, dass neben dem Titel „4. Volksschule“ auch der Name ‚Mikis Theodorakis’ stehen wird ... An diesem Ort, wo jetzt nur noch die Sprache der Freiheit herrscht ... Demokratie ... Kultur ... Bildung ... Und jetzt ...“ Und jetzt kam, langsam, in seinem dunkelblauen Jackett mit den goldenen Knöpfen, ohne Krawatte, das einen Bein etwas nachziehend und noch immer hoch wie ein Turm, Theodorakis nach vorn ans Mikrofon: „Liebe Freunde ... In diesem Augenblick bin ich sehr berührt. Ich habe eine kurze Rede vorbereitet, die ich nachher noch halten werde. Aber ich möchte jetzt schon sagen, dass ich damals, als ich in Oropos inhaftiert war, nicht im Traum daran gedacht hätte, dass hier einmal eine Schule gebaut werden würde, die dann meinen Namen trägt ...“ Anschließend ging Theodorakis in Begleitung verschiedener Leute ins Schulhaus, um dort das Einweihungsband zu zerschneiden.
Bis eben noch war es heiß gewesen. Jetzt sank die Sonne schnell. Auf einem abseitigen, eingezäunten, kleinen Platz in der Nähe spielten mehrere Kinder Ball. Die Leute hatten die Stühle verlassen und verteilten sich in den Sitzreihen vor der Bühne. Efrosini und Irini rauchten. Efrosini entfernte sich dann, kam zurück, entfernte sich, kam zurück. Im noch hellen Licht des Frühabends begann das Bühnenprogramm. Die Ansage. Die Schulklasse, die vom Blatt „Margarita Margaro“ sang; die Sängerin mit „Nichta magika“. Niki beugte sich leicht zu mir hinüber und sagte leise: „Mir wird ganz anders.“ Die Sängerin sang sehr langsam, als wäre sie eine gefälschte Maria del Mar Bonet oder eine entschleunigte Shakira. Man wusste nicht recht, wo sie hingehörte. Auch sie vielleicht eine der Lehrerinnen? Mit überdurchschnittlich großem Talent? Und als solche eine Sensation? Sie bewegte sich verzögert, sich immer wieder steif machend, als habe sie gegen sehr starken Wind zu kämpfen. Dann die Gruppe der Sechsjährigen, flankiert von zwei Erzieherinnen in Orange. Augenblicklich hatten sie die Herzen der Gäste erobert. Es konnte eigentlich nichts schief gehen, selbst wenn sie schief singen würden. „Ena to chelidoni“. Die Menschen applaudierten begeistert. Ich fragte mich, ob Elytis tatsächlich, wie Niki es in der Schule gelernt hatte, Texte ins Französische übersetzt hatte, so perfekt, dass ein Franzose es nicht hätte besser machen können.
Dann noch einmal Theodorakis. Er sprach über seine toten Freunde, die er seit damals „mit sich herumtrage“ und nach deren Namen niemand mehr fragt, sprach über den Sinn des Kampfes damals, des Kampfes für eine friedliche Kultur, für Bildung – über die Frage, die er sich jetzt stellt: Hatte dieser Kampf überhaupt eine Bedeutung; hat er etwas gebracht? Er vermutete, dass von dem ganzen damaligen Oropos wahrscheinlich nur sein Lied bliebe. „Nach der Diktatur kam die warme Umarmung des Konsums, ein maskierter, freundlicher Feind, der einen mit offenen Armen empfing, um einen schließlich zu erwürgen ... Was tun wir, damit unsere Kinder nicht schließlich als Power Ranger herumlaufen, sondern als Menschen mit einer eigenen Identität?“ Beifall. „Poli kala logia. Poli kala.“ Der Himmel war ein endloses Feld aus Türkis, Aquamarin und Grau, durchzogen von goldenen und orangeroten Bahnen. Theodorakis, er hatte sich für ein anderes System entschieden, getrieben von welcher Energie auch immer, sich gegen Vereinnahmung zu wehren, gegen den Fressnapf vor der Nase und gegen das Tätscheln mit dem Samthandschuh, Marke ‚Kompliment’. Doch, als wäre alles letztendlich nur eine Frage der Zeit gewesen, steht inzwischen der atomare Holocaust bevor, der Klimakollaps des Globus. Wo hat Gott nur seine Augen? „In weniger als siebzig Jahren kann das Leben der Menschheit erloschen sein.“ Diese Aussichten provozieren ein Achselzucken: Wozu die Geschichte Frankreichs? Wozu die Vergangenheit kennen? Wir kappen die Verbindung zu unseren Versorgungsstationen im Glauben, uns von überflüssigem Ballast zu befreien, um schneller voran zu kommen. Wohin?
Eine Ansagerin las mit eingeübter Betonung und gewissenhafter Miene vom Blatt, bestimmte Namen und Worte hervorhebend. Die Künstler, die Titel, die zu hören sein würden. Sie las vor, wer Ritsos war: „Aftos metaforouse.“ Die Leute freuten sich. Und so, wie ich ihn vor achtzehn Jahren erlebte, hätte auch Ritsos selbst sich gefreut. Wenn die Leute diese Worte, diese Gedichte auch schon lange nicht mehr gelesen hatten, so vernahmen sie sie doch jetzt von der Bühne her und lauschten ihnen, als hätten sie ein Deja-vu-Erlebnis. Außerdem hatten sie einen Teil der Verse früher inhaliert – zusammen mit der Musik von Theodorakis – und kannten sie auswendig. Vielleicht auch inwendig. Nicht weniger und nicht mehr. Bei den bekanntesten, am Anfang des Konzerts, ging die Hand des Mannes in der Sitzreihe vor mir auf Höhe des Gesichts, die Finger bereiteten sich auf das Schnipsen vor, der Mann zischte genussvoll, zog eine Linie in der Luft, die endete und fortgesetzt wurde, endete und fortgesetzt wurde. Zum Schluss sang Theodorakis selbst zwei Lieder: „Na, helft mir mal auf die Sprünge ... Wie war doch gleich der Text?“ Lachen. Vergiss nicht Oropos.
Während diese kraftvollen Lieder eins nach dem anderen erklangen, kam mir die abwinkende Geste einer Frau in einem Laden in den Sinn: „Theodorakis? Konzerte? Na ja ... die Sachen von Theodorakis, die kennen wir doch jetzt. Es gibt doch auch noch anderes.“ Es ist ein bisschen wie mit den eigenen Eltern, wenn man endlich von zuhause weg will.
Wir fuhren zurück nach Athen. Rechterhand Oropos, langgestreckt, mit Hunderten von Lichtern, aufgereiht wie entlang der Startbahnen von Raumschiffen. Unterwegs wurde Efrosini sehr müde und wie immer wurde ihre Stimme dann monoton und sie sprach ohne Unterbrechung. Vergiss nicht Oropos. Die Erinnerung, denke ich, kommt später. Jetzt wirtschaften wir erstmal die älteren Tage der Zukunft herunter.

III
„Typen mit Brillen“, sagte Efrosini, „diese Typen mit diesen Brillen, überall, an jeder Ecke in Athen, im Haus, niemand traute niemandem, ein schwerer Schleier lag über allem, niemand sprach. Und diese ekelhaften Brillen. Das ist das, woran ich mich erinnere.“ Man rührt an die Wunden der Menschen, wenn man sie fragt nach der Zeit der Diktatur. Irrenhaus, Schizophrenie. „Sei froh, dass du das nicht erlebt hast.“ Ritsos, Theodorakis, sie haben diesen Satz nie gesagt. Sie haben mit anderen Worten gesagt, was man kaum auszudrücken vermag, wollte man beschreiben, was eine Amsel singt. Was zwei Amseln sich erzählen bei ihrem Wechselgesang. Bevor ich Athen vorläufig verließ, im Juni 2006, hörte ich oft den Amseln zu. Und das, was ich mit nach Berlin nahm, war das Bild von den bebrillten Männern, war das hysterische Lachen der Leute und eine dunkle Ahnung, ohne die ich nie mehr einen Fuß auf griechischen Boden setze, sooft ich dahin noch zurückkehre, und die inzwischen begonnen hat, mich hier zu beschleichen, in Berlin, nachdem der Gast aus Athen, als wir Theodorakis hörten, seine Hände gehoben hatte und sagte: „Weißt du, mit der Situation Mikis waren wir etwas überfordert. Aber diese Musik ist traumhaft, so traumhaft, dass du deinen eigenen Namen vergisst.“

2006/2008/2009


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Annett Gröschner
"Wie haben wir nur alles auf den Kopf gestellt? Wir sprechen. Wir sprechen nicht."

Im April vor 20 Jahren sind wir nach Dresden gefahren. Ritsos wurde 80. Was gab er uns nur für einen klaren Blick. Zu seinen Ehren lasen wir den Sondeur im Theater der jungen Generation, oder war es die junge Garde? Egal. Wir waren zu acht oder neunt, vielleicht auch zehn, darunter ein Säugling, mein Sohn, der in der Garderobe schlief. Wäre er aufgewacht, vom Fenster schreien die kleinen Eulen herüber, hätte er mitspielen müssen.
Jeder hatte drei, fünf oder zehn Zeilen zu lesen - Ach fremde - Feder und ging wieder ab, Kempe las mit der Gasmaske, Bader in Taucherflossen, Hufe auf meiner Brust, auf meinen Knien. Eine Geige. Die tonlose Musik füllte meine Jacke. Die Veranstaltung war ausverkauft, aber als wir nach fünf oder sechs Stunden an den Scheinwerfern vorbei in den Zuschauerraum sahen, merkten wir, dass wir allein waren mit uns und Ritsos und der Text noch lang nicht zu Ende. Und gegenüber, fünf Meter über der Erde, das gespannte Seil mit den Fahnen. Bis zu dieser Zeile kamen wir nicht. Nachts ging es zurück, das Auto ächzte, wenn die Räder die Ritzen der Betonplatten der Autobahn Dresden-Berlin berührten. Die Geschichte ging weiter, die Allgemeine Geschäftsordnung veränderte sich gründlich. Ach, begeistert aufgenommene Freiheit, wo du auch sein magst. Der Sondeur wurde eine Zeitschrift. Die Zeitschrift überlebte die Freiheit nicht - blinde Uhren, weiche Pantoffeln, zerrissene Briefe. Unsere Wege trennten sich. Bader lief gegen eine Straßenbahn, wir anderen in Sackgassen und wieder heraus. Wie geheimnisvoll das Blut fließt. Manchmal treffen wir noch aufeinander, jenseits von Erinnerung. Das vergilbte, brüchige Papier meiner Lesefassung (1. Durchschlag) wanderte von Wohnung zu Wohnung. Alle Rechnungen unbeglichen, hängen in der Luft. Der Säugling geht längst eigene Wege. Frag die Zeit. frag auch die steinerne Frau.

© Annett Gröschner, Mai 2009


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Peter Geist
Warum Ritsos lesen?

Der Ritsos der prägnant-lakonischen Gedichte, ich gestehe es, ist mir der liebere. Er selbst hatte seine „epigrammatischen“ Gedichte ja als Versuch hervorgehoben, „den Ausdruck zu verdichten, als Reaktion auf die Gefahren des Sich-Ausbreitens und des rhetorischen Pathos, die oft hinter den langen Gedichten lauern.“ Und natürlich hob er sie entschieden ab von den „Kameradschaftlichen Liedern“, den instrumentellen Gesängen und Gelegenheitstexten im politischen Kampf. Eines meiner Lieblingsgedichte, geschrieben am 18. Februar 1980, geht so:

Berge von Zitronen
auf dem Tisch
auf den Stühlen
auf dem Bett
gelber Glanz
überläuft deinen Körper
es gefällt mir daß es regnet
Nacht mit tausend Zitronen
und plötzlich nagelt die Taschenlampe
des Waldhüters die nassen Hasen
auf ihren Hinterläufen fest

Wie oft skizziert Ritsos in wenigen Strichen ein farbkräftiges Bild, von dem man nicht erfahren wird, ob es Rekonstruktion oder Imagination ist. Wie oft wird die Geliebte in dieses Bild hineingezogen, wie oft mit einer weiteren Szenerie eine Kontrafaktur geschaffen, die zurückstrahlt und über Toposverbindungen (gelber Glanz überläuft deinen Körper– es regnet – die nassen Hasen) Assoziationsdichte generiert. Und doch verbleibt diese poetische Miszelle in schönster Rätselhaftigkeit. Gewiss, mit Blick auf andere Gedichte der 1980 entstandenen Gedichtgruppe „Erotica“ fällt ins Auge, dass das erotische Motiv der Nässe sie geradezu durchwirkt: „eine von fremdem Wasser / nasse Straße“; „im marmornen Bad / mit den großen roten Handtüchern / den nassen“ usw. Fingerzeig geben vielleicht diese Zeilen vom 23. 2. 80: „und wir selber schön / frisch gebadet /in unseren eigenen Wassern / aufgetaucht ans Licht und eingetaucht in den Leib / dieser Erde“. Die konzentrierte Hereinholung der Ur-Elemente in das Gedicht beglaubigt das Elementare des Lebens. Nun gut, aber was ist mit der „Taschenlampe des Waldhüters“? Wir können nur Vermutungen anstellen, erfahren werden wir es nicht, um Glanz und Lichtkegel breitet sich Dunkles. Im Essay verbindet Ritsos dieses „Dunkle“ des Gedichtes gezielt mit Begriffen wie Transparenz, Präzision, Metamorphose. Dieses Bekenntnis mündet in schönen Sätzen zur Verantwortlichkeit einer Poesie, die „aus ihren großen Erfahrungen heraus List und Konstruktion (als wesentliches Element ihrer Technik) akzeptiert, die schließlich nichts weiter sind als ein >entferntes Lächeln<, eine Freundlichkeit, eine Verständigung und das dauernde menschliche Bedürfnis nach Anteilnahme, gegenseitigem Kennenlernen und Brüderlichkeit.“ Diese in den sechziger Jahren geschriebenen Sätze erinnern mich sofort an poetologische Überlegungen von Rainer Kirsch aus den Siebzigern: Poesie, so Kirsch, „kann auf die Dauer im Leser Sensibilisierung hervorrufen, deren jede auf Humanismus ausgehende Gesellschaft dringend bedarf.(...) Etwas durch Poesie evident erleben muß aber nicht heißen, daß man es praktisch verwerten kann; feinere Stufen des Urteilens, Liebens und Lebens sind schon viel, die Entwürfe oder Ahnungen schöneren gesellschaftlichen Zusammenlebens, die Poesie ausdrücklich oder im Verschweigen enthält, wären keine, wenn sie sich gleich einlösen ließen.“
Dies alles lese ich heute als hochgemute Nachrichten aus einer fernen Zeit, die die Hoffnung kannte. Der Zweck des heutigen Globalkapitalismus ist ja kaum schöneres gesellschaftliches Zusammenleben, sondern die für die Profitmaximierung weniger global players ins Finale gehende Ausbeutung des Menschen und der Natur. In der hierfür ins Irrsinnige gesteigerten, alle Lebensbereiche erfassenden Beschleunigung der Kapital-, Waren- und Bilderzirkulation erscheint die Gedichtzeit vollends anachronistisch. Der Zusammenhang von Rhythmus und Herzschlag, von Vers und Atmung, aber auch von Metapher und Scham, von Hyperbel und Verbergen, wie ihn das kleine Gedicht von Jannis Ritsos vorbildhaft ausstellt, begründet die Intimität des Gedichtes und seine Fähigkeit, Persönlichstes so zur Sprache zu bringen, als wäre es die Welt, und die Welt, als wäre sie das Persönlichste. Dieses unzeitgemäße Tempo des Sprechens bedingt immerfort die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Deshalb wird, wie etwa Gerhard Falkner 1992 schlussfolgert, „Von den Verhältnissen dem Gedicht sein Verschwinden nahegelegt. Der Raum für Wiederholung, Erinnerung, Besinnung ist ökonomisch nicht mehr vertretbar.“ Was für Verhältnisse? Die, auf die der todkranke Heiner Müller zielte? „Die Schwierigkeit / Den Vers zu behaupten gegen das Stakkato/ Der Werbung das die Voyeure zu Tisch lädt// Verfallen einem Traum der einsam macht/ Im Kreisverkehr der Ware mit der Ware// im aktuellen Gemisch aus Gewalt und Vergessen“ Müllers Bilanz: „Die Lügen der Dichter sind aufgebraucht/ Vom Grauen des Jahrhunderts An den Schaltern der Weltbank/ Riecht das getrocknete Blut wie kalte Schminke.“ Oder aber: Nehmen wir uns den Raum für Wiederholung, Erinnerung, Besinnung. Setzen wir die humanen Lügen der Dichter gegen die blutigen der global zocker. Lesen wir also Ritsos, meinetwegen auch ein wenig um, mit einer neuen Kontrafaktur:

es gefällt mir daß es regnet
Nacht mit tausend Zitronen
und plötzlich nagelt die Taschenlampe
des Waldhüters die nassen BANKER
auf ihren Hinterläufen fest

© Peter Geist, Mai 2009


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Peter Wawerzinek
Roter Korallenstrauch
Oder
Wie man Ritsos unbedingt vorlesen sollte

Es rät sich an, das Badezimmer umsichtig herzurichten. Leuchtende Ketten. Einzelne Kerzen. Kleine Teelichter. Alles sinnvoll verteilt. Ein bißchen Musik. Leise Klänge hinter Handtüchern verborgen. Nichts Aufregendes. Nahezu unhörbar. Nur nebenher und annähernd gerade so im Raum zu vermuten. Besser noch wie hinter der Kachelwand aus der Nachbarsstube drängend. Es rät sich an für ein winziges Lüftchen in Tuchfühlung zum Ort des Geschehens: der Badwanne zu sorgen. Ein Stückchen Fischflosse in eine Ecke verfrachtet erhöht die Imagination.
Es rät sich an, die verschiedenen Wasser munter sprudeln zu lassen, um Teil zu haben am Entstehen seltener Düfte: die Melange aus Rosmarin, Moschus, Schneeglöckchen, Weihrauch, Zimt und Kuckucksblume (so vorhanden), die unbedingt zu erzielen ist.
Es rät sich ferner an, das Buch bereit zu legen. Wie es sich selbstredend anrät, die Liebste bereits nackend um sich zu haben, möglichst auf dem Schoß. Möglichst im Bestreben sie mit ihren freien Händen Schaum schlagen, die Elemente sinnlich plätschern zu lassen.
Es rät sich an, sie selbst wählen zu lassen, von welcher Seitenzahl an begonnen wird, was die Lektürebereitschaft ungemein erhöht.
Es rät sich sodann dringend an, dicht bei der Wanne Platz zu halten und erst mit der Lesung zu beginnen, wenn die Wannenbadende in der Wanne darum bittet. Aber Achtung: Beginne äußerst zaghaft. Stottere hin und wieder. Schau nur auf die Seiten. Zögere mitunter einzelne Sätze ein Stück weit hinaus, weiter als nötig ist wie als wüßtest du nicht. Lies unbeirrt den Text in unterschiedlicher Tonart.
Es rät sich an, insgesamt sanft zu eröffnen und mit der Zeit im Tone sicherer zu werden, versuchsweise vorwärtsdrängend gar zu lesen: in Stößen, wie inmitten von Intimität begriffen. Es rät sich ferner an, den Text absichtsvoll vage über allem säuselnd zu zelebrieren, ohne dem häßlichen Hang nach Übertreibung zu folgen. Wobei es sich anrät, ganz frei jedweder Hektik, an sich selbst die freie Hand nun zu legen, ein Kleidungsstück nach dem anderen still vom Leibe zu lösen, was einige vorbereitende Handlungsgriffe verlangt, will man schließlich unauffällig selber nackt im Lesebadewannenraum zu sitzen kommen. Weshalb es sich durchaus gut macht, hat man das liebste Wesen im Badewasser ein wenig ins Dämmern versetzt und zum Äugleinschließen gebracht. Man lese darob die Kapitel weise aus und schlage das Buch daraufhin kindisch-stolz zu, wie als hätte man einen großen Pudding aufgegessen.
Sagt die Liebste dann ohne die Augen zu öffnen: Das war ein schöner Text, weißt du dich am Ziel mit dem Autor im Sinne der Farbe Rot. Das Rot vom Korallenstrauch. Dies eine Rot meine ich. Bestehend von Juli bis September. Man weiß oder man wisse hiermit: Seine prächtig roten Blüten werden von nur den mutigsten und sorgsam auserwählten Vögeln lustvoll bestäubt.

© Peter Wawerzinek, Juni 2009

 

 

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