
Einige Gedanken zum Tübinger Kongreß KULTUR DES FRIEDENS
Von Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas
- Diskutiert werden soll von Wissenschaftlern und Künstlern über eine im Falle der Abrüstung beginnende Kultur desFriedens, die die bisherige Kultur des Krieges, in der dieMenschheit seit Beginn ihrer Existenz lebt, ablösenmüßte. Sind die Wissenschaftler und Künstler auf solch eineSituation vorbereitet? Haben sie für diese Zukunft, deren Voraussetzung die allgemeine militärische Abrüstung ist,Lebens- und Kulturkonzepte anzubieten, die eine weitereEntfremdung des Menschen gerade unter "friedlichen" Vorzeichen aufhalten könnten? Sind sie in derLage, der Barbarisierung des geistigen Lebens entgegenzutreten und den einfachen Menschen neue Ideale und Hoffnungen zu vermitteln und zugleich von diesen einfachen Menschen zu lernen? Wir sind verpflichtet mitzuhelfen, daß die Zukunft lebbar wird.
- Die größte gegenwärtige Herausforderung für den Künstler, den Wissenschaftler, für die geistig-künstlerische Produktion imAllgemeinen ist zum einen die der Kommunikation, des gegenseitigen Kontakts,des Dialogs mit dem "Publikum", mit dem "Volk". Zum anderen
stellen auch die existenziellen Probleme in den entwickelten Industriestaaten, die im Grunde kultureller Natur sind, eine solche immense Herausforderung dar. Eingedenk derTatsache, daß nur ein freier, von seinem humanen Wesen unentfremdeter Mensch in der Lage ist, mit den zeitgenössischen künstlerischen Werken in Beziehung zu treten unddie gesellschaftlichen, wissenschaftlichen Prozesse zu erfassen, erwächst daraus für den Künstler und den Wissenschaftlerdie Notwendigkeit des Austauschs mit einem autarken Gesprächspartner und mündigen Zeitgenossen. Ohne den psychisch und physisch dialogfähigen Menschen sind Fortschritt in der Kunst und vernünftige Weiterentwicklung der Wissenschaft nicht möglich. Solch einen Menschen wird man allerdings schwerlich finden, denn zum ersten Mal in der Geschichte gibt es im20. Jahrhundert keine fortschrittliche Klasse außerhalb desProduktionsprozesses – ganz im Gegensatz zu allen anderenEpochen. Nur die Angehörigen einer solchen Klasse wären fähig, sich die geistigen Errungenschaften der Gegenwart anzueignen und auf deren Schöpfer stimulierend zu wirken. Doch diegegenwärtigen Lebens- und Arbeitsbedingungen „entleeren“ undisolieren den Menschen, statt ihn geistig und emotional zu bereichern, tragen zu seiner Ent-Wirklichung bei, statt dass Lebensgenuß und Lebensfreude seinen Alltag bestimmen – und das trotz technologischerRevolution und eines relativ hohen Bildungsniveaus. Allerdings beherrscht nur ein bewußt handelnder, freier und engagierter Menschdie Technik und Technologie und vermag sie entsprechendseinen Bedürfnissen einzusetzen und auszunutzen.
- Ein großer Fortschritt und der wichtigste Schritt in einehumane Zukunft wäre die radikale Arbeitszeitverkürzung innerhalb der EG, die als polit-ökonomische Maßnahme den Rahmenfür einschneidende Reformen abgeben kann – mit Vorbildcharakter für die übrigen entwickelten Industrie-Nationen. Die europäischen Monopole sind sich einig in ihrer Politik undStrategie. Warum sollte das nicht auch den Werktätigen, Künstlern und Wissenschaftlern Europas möglich sein, die dieeigentlichen Schöpfer des gesellschaftlichen Reichtums sind?In den EG-Ländern gibt es 12 Millionen Arbeitslose, deren Beschäftigungslosigkeit bezahlt wird. Sie sollten bezahlt werden für vier Stunden Arbeit und zugleich die Arbeitszeit aller anderen gesenkt. Wirsind davon überzeugt, daß eine solche Lösung eine politischeund keine ökonomische Entscheidung darstellt und daß der4-Stunden-Arbeitstag heutzutage der vor hundert Jahren gestellten Forderung nach einem 8-Stunden-Arbeitstag entspricht, wobeiletzterer in seiner Intensität und im Kräfteverzehr mit dem damaligen 16-Stunden-Tag vergleichbar ist. Jeden Tag werdendem werktätigen Menschen Anthropo-Monaden entzogen, die erfür eine ausgewogene geistig-seelische Entwicklung, für ein menschliches Existieren benötigt. Wir gehen davon aus, daß vom Kräftehaushalt des Individuums – von seinenvorhandenen Anthropo-Monaden – das Maß der Rezipierbarkeit bestimmter künstlerischer und geistiger Leistungen abhängt. In der Realität sieht es allerdings noch immer so aus, dass die Anforderungen des Arbeitsalltags (für die Frauen ergibt sich außerdem durch die Hausarbeit eine doppelte Belastung) und auch die von der Industrie und den Massenmedien zu 95% angebotene und den Menschen als Bedürfnis suggerierte barbarische Massen-Kultur zu einer immer größeren Entleerung, Vereinsamung und Ent-Menschlichung des Individuums führen.
- Mit „Arbeit“ meinen wir hier die für Millionen Menschen täglich stattfindende Zwangs-Arbeit, die zwar gesellschaftlichnotwendig ist, aber ihrem Wesen nach immer unmenschlichbleibt; wir meinen hier damit nicht den künstlerischen,wissenschaftlichen und allgemein geistigen Schöpfungsakt. Veränderung des Charakters der Arbeit und Arbeitszeitverkürzung bedeuten aber an sich noch keine Erhöhung desLebensniveaus, sondern dadurch werden lediglich die Voraussetzungen dafür geschaffen. Nur durch eine Reorganisierung und Umstrukturierung dererrungenen Freizeit, durch die Umgestaltung des Bildungswesens, der Werte, der Ideale und der Kultur allgemein wirddas "Volk" zur zukünftigen Oligarchie erhoben, zu einemaufnahmefähigen Empfänger für künstlerische und wissenschaftliche Leistungen. Dieser "politische" Impetus ist unerläßlich, will man nicht in den Fehler vieler Gewerkschaften verfallen, die eine Arbeitszeitverkürzung um ihrer selbstwillen propagieren und sich auf den imaginären, nicht funktionierenden Automatismus MEHR FREIZEIT – HÖHERE LEBENSQUALITÄT verlassen. Uns Wissenschaftler und Künstler interessiert ja dieser Vorgang von vornherein aus emanzipatorischen Gründen, weil wir bald nicht mehr wissen werden, für wen wir unsere Werke schaffen. Wohl nicht für eine immer mehr entsolidarisierte,durch die Arbeit kräftemäßig ausgezehrte und durch die Massenmediendesorientierte Menschheit. Wir müssen also das gesamte Kulturmodell revidieren, um die Kraft und Energie des Menschen,die frei werden, in richtige, in menschliche Bahnen zu lenken. Das ist eine politische Aufgabe.
- Wir sind uns des Abgrunds bewußt, der überall zwischen der Triade der Macht – den ökonomischen, militärischen undpolitischen Kreisen – einerseits und den Werktätigen, Künstlern und Wissenschaftlern andererseits klafft. Wir erkennenweiterhin den gesellschaftlichen Zerrspiegel, der Resultat des partei-politischen Lebens ist und der den Trugschluß zuläßt, daß die politischen Parteien – der Regierungoder Opposition – die für den Staat und das Land wichtigenEntscheidungen treffen. Die großen Firmen, die multinationalen Monopole und ihre Institutionen beherrschen den Staatund seine politisch-ökonomischen Entscheidungen in großemMaße. Aus diesem Grund hängt für uns der Begriff der Freiheit von der Verantwortung, der Entscheidungsgewalt und dem Informationsgrad jedes Einzelnen ab und erschöpft sich nicht in dessen zyklischem Wahlgang. Daraus resultiert unsere Forderung, die Computer- und Roboterindustrie in allen Staatenzu nationalisieren, denn der Computer ist eine Errungenschaft des menschlichen Geistes, muß wie die Luft und dasWasser allen gehören – und darf auf keinen Fall als Macht- und Überwachungsinstrument mißbraucht werden. Die Enttäuschung und Abkehr vieler Menschen vom offiziellen politischen Leben überzeugt uns von der Notwendigkeit einer alternativen Kämpferischen und freien Kultur, die dem herrschenden politisch-kulturellen Vakuum, dem kommerzialisierten Kultur- und Kunstbetrieb etwas entgegenzusetzenvermag. Sie allein wäre in der Lage, der Jugend neue Identifikationsmöglichkeiten, Mythen und Ideale zu vermittelnund damit neue Hoffnung zu stiften.
Wege dafür zu finden,Vorschläge zu machen, realistische Lösungen zu suchen, Forschungsaufträge an Ökonomen, Psychologen, Politologen, Biologen, Physiker, Gewerkschaftler, Kulturwissenschaftleru.a. zu erteilen – dazu laden wir nach Tübingen ein.
Athen & Berlin, 30.1.1988
Über Mikis Theodorakis
Über Christa Wolf