Deformationen im Frühjahr 1990


1. Anstalten in der Anstalt
Zonis aller Länder mucken auf


Trotz der Befreiung vom Faschismus – die Litauer fühlen sich nicht befreit, sagen sie. Und lassen Gorbatschow noch immer nicht zum Zuge kommen. Vielleicht ist der Zug auch schon abgefahren. Und Michail schaut ihm nach, an eine Birke gelehnt, mit seinem gelben Taschenmesser kyrillische Buchstaben in die Rinde ritzend. Noch am ersten Mai ließ die perestroikaüberdrüssige Menge Gorbatschow von der Ehrentribüne abtreten – der lächerlichste Auftritt dieses Jahrhunderts, bar jedweder Grandiosität. Da nützte es auch nichts, daß er als Jugendsekretär des Komsomol die Erschießung Picassos durch den KGB verhinderte und ebensowenig, daß er am 9.Mai 1990 die erste Militärparade seit fünf Jahren abnahm. Und von welcher Bedeutung ist es, daß die Befreier den unfreiwillig Befreiten am Tag der Befreiung zur Befreiung gratulieren?

Die Welt steht Kopf. Wie sollen sich da die Toten nicht im Grabe umdrehen? Wladimir Ilitsch – einer von ihnen – dachte wohl, er brutzele bereits zwanzig Sekunden über der Zeit in der Mikroröhre, als jüngst ein Brandanschlag auf sein Mausoleum verübt wurde. Was Wladimir Ilitsch wirklich dachte – wir werden es leider nicht erfahren, obwohl Wissenschaftler in den USA eine Methode entwickelten, mit deren Hilfe man sich eine halbe Stunde mit einem Toten unterhalten kann. Das einzige Problem: der Tote antwortet nicht.

Weitaus beredter erwies sich ein Mann mittleren Alters, möglicherweise Komplize des Mausoleumbrandstifters, der wenige Tage nach der Moskauer Tat zwei riesige Schaufensterscheiben eines Magdeburger Porzellanladens einschlug, anschließend in das Geschäft einstieg, um mehrere Artikel aus Porzellan, darunter Elefanten und Pandabären, zu zertrümmern. Nachdem die Volkspolizei den Täter gestellt hatte, äußerte er, auf das Motiv seiner Tat hin befragt: "Persönliche Verärgerung".

Damit hat er sich in die Nesseln gesetzt. Denn wir haben Diestel, und der wird schon dafür sorgen, daß in Zukunft der rechtschaffene Mann in Ruhe sein Meißner, das es ja dann in Hülle und Fülle geben wird, einkaufen kann. Diestel nämlich plädierte in den letzten Tagen immer wieder dafür, die schlagkräftige Truppe der Polizeier und Abschnittbevollmächtigten um mehrere Hundert Mannen aufzustocken. Damit keine Elefanten und Pandabären mehr dran glauben müssen – immerhin kann sich Diestel ein Beispiel an seinem chinesischen Amtskollegen nehmen, der drei Pandabärenmörder zum Tode verurteilte und weitere sechzehn zu lebenslanger Haft. Von seinem Amtskollegen weiß Diestel auch: Immer wieder lassen sich Wilderer zur Jagd auf das scheue Tier verleiten.

Vielleicht litt auch Adelheid Streidel in einer schwachen Stunde am Pandabärensyndrom (wer kann das ausschließen?), als sie am Nachmittag des 25.April ihr Messer – hoffentlich nicht das kleine gelbe von Gorbi – in einen Blumenstrauß einband, um es am selben Abend Oskar in den Hals zu rammen. Sie übersah, daß Oskar ein Mann der Öffentlichkeit ist und eben kein scheuer Pandabär. Weshalb er überlebte und sie nicht hingerichtet wird. Sie wollte ja nur mal in die Presse. Und obwohl so traurig, wir lachen drüber.

Lachen nämlich, so der Anthropologe Helmuth Plessner, ist eine Antwort auf eine Situation, die den Menschen überfordert. Und so haben zumindest die Eskimos gut Lachen. Sie erhielten nach vierzehnjährigen Verhandlungen 350.000 Quadratkilometer Land in der Arktis. Damit gehören ihnen außerdem die Bodenschätze auf 36.257 Quadratkilometern. Jetzt ist auch ihnen die Chance gegeben, sich zu wettbewerbsfähigen Konkurrenten auf dem Weltmarkt zu profilieren.

Untrügliches Zeichen dieser rasanten Entwicklung ist der angekündigte Besuch von Markus Meckel im Oberiglu ihrer Hauptstadt. Obwohl der Eskimo-Sprache nicht Herr, wird er dort – genau wie in seinen heimatlichen Gefilden – stundenlang reden können, ohne was zu sagen. Und ohne Rücksicht auf Verluste. Im Zuge der weltweiten friedlichen Annäherung der Völker muß ja jeder jedem geduldig zuhören. Wir hoffen, dass die Schnüffler von ELF 99 uns diesmal auch die Unterhose von Markus und seines Dolmetschers präsentieren und nicht nur die Sprechblasen frei nach Meckel. Zudem sollte sich bis dahin die Bildqualität des Deutschen Fernsehfunks der des Siebenten Deutschen Fernsehens angenähert haben, da die Eskimos zweiunddreißig Nuancen Weiß unterscheiden.

Wie wir erfahren haben, gingen im Rahmen der Vorbereitungen von seiten der DDR mehrere Sendungen mit Schöllers Eiskrem nach Ottawa - und von dort nach Berlin an Herrn Meckel eine grafische Anleitung zur Ausführung des Nasenkusses, der bei den Eskimos üblichen Begrüßungsform. Berührungen solcher Art – und das wissen Herr Diestel, Markus und sogar Herr Zotl von der PDS, der in den letzten Wochen ohne Unterlaß genickt hat – müssen sich die DDR-Bürger nun langsam gefallen lassen, wenn sie es ihrerseits der internationalen Konkurrenz besorgen wollen. Wer die Nase vorn hat, zeigt sich auf den städtischen Marktplätzen, wo die kommunalen Handelsunternehmen ihre bunten Tischchen aufstellen und allen Bürgern beweisen, daß sie es durchaus mit den westlichen Händlern aufnehmen können. Radieschen gegen Ananas. Kurzstrickwaren gegen billiges Gelumpe von C&A. Die Zonis können sich warm anziehen.

© Asteris & Ina Kutulas, Frühjahr 1990



2. Taumel in der Einheitswanne
Deutsches Auge bleibt trocken


Ein wenig schwindlig kanns einem schon werden. Selbst jeder mittelprächtige Angestellte westdeutscher Bestattungsunternehmen rechnet es leicht aus: Nehmen wir die Fläche der Bundesrepublik Deutschland und des Geländes (DDR) zusammen – na, wie groß sind wir dann? So groß. Voller Freude und leichten Schrittes begeben wir uns in unsere Schrebergärten und spucken in die Hände. Platz da für die neuen Rüben! Und wie ein Bomber rollt Kohl über den Salat. Gewiß haben auch Sie schon bemerkt, daß die Möhren viel möhriger, die Gurken viel gegurkter und die Kartoffel noch immer so zuchtlos sind. Und das Helmut keine Ohrläppchen hat. Aber – wer ihn hat, der hat ihn lange, meint Helmuts Frau. Dem Pimmel sei Dank!

Das wird eine Massenbewegung der Pimmelverehrer in unserm Land, verspricht im Deutschen Fernsehfunk der nach langem Zögern sich offenbarende Vorsitzende der Deutschen Sex-Liga. Das Volk braucht nur zu ficken, alles andere besorgen wir. Zu Unrecht entgegnete Frau Rosh, man brauche zum Bumsen keine Organisation. Die Deutsche Sex-Liga wird sie eines Besseren belehren. Noch immer nämlich kann der DDR-Bürger aus seiner alten Haut nicht raus und hängt hie und da dem alten Motto nach: Vereint sind wir unschlagbar. Und mit WIR sind natürlich – wie der Name der Organisation offenbart – wir Deutschen gemeint, die sich mit ihrer nationalen Besonderheit voll in den europäischen Einigungsprozeß einbringen. Straffe Ordnung.

Natürlich werden die Italiener, Franzosen, Spanier und und und... wieder auf uns rumhacken, um uns erneut des Nationalismus und der Aggressivität zu bezichtigen. Aber in Wahrheit sollen wir nur unsere Schwänze einziehen – denn ihre Furcht gilt unserer geballten Wirtschaftskraft, die auf sie zukommt. Und das nicht nur im Bettenparadies! Unerklärt bleibt durch die Deutsche Sex-Liga und durch Helmut Kohl, wieso sich jeder Bundesdeutsche einen Sommerurlaub in Spanien/ Italien/ Frankreich leisten kann, aber umgekehrt sich kaum ein Spanier, Italiener, Portugiese solch einen Urlaub in der Bundesrepublik gestattet. Das wird wohl nicht am Wetter liegen oder an den fehlenden Toreros? Deutschland ist eben zum Arbeiten gut. Und immerhin haben wir unsere Blasmusik, Goethe und Udo Lindenberg. Deutschland – die Kulturnation. Von da ists bis Frankreich nicht mehr weit.

Eigentlich versuchen sowohl Helmut als auch die Deutsche Sex-Liga nur zu vertuschen, daß die Zeit der Parteienherrschaft abgelaufen ist. Wie bis vor etwa hundert Jahren die Menschheit ohne Parteien auskam, wird wohl in hundert Jahren wiederum kaum jemand etwas von Helmut, von der Deutschen Sex-Liga, von überhaupt einer Partei mehr wissen. Wir aber wissen jetzt schon, daß Otto Graf Lambsdorff bei der nächsten Wahl wiederum, auf seine Meinung angesichts der Verluste bei den Wählerstimmen hin befragt, antworten wird, er sähe darin keinesfalls eine Niederlage. Die FDP habe ihre Position immerhin gehalten und damit eine gute Ausgangsposition für den kommenden Wahlkampf geschaffen. Und so weiter die nächsten 99 Jahre... Während Kohl, ohne Luft zu holen und mit der Wimper zu zucken, darauf drängt, zur Zeit der Ernte in die Scheune einzufahren, was nur einzufahren ist, denn die Zeituhr tickt – und sie tickt auch noch die nächsten 99 Jahre –, während die Vertreter der Grünen, nachdem sie wiederum ein Prozent Zuwachs der Wählerstimmen zu verzeichnen haben, auch die nächsten 99 Jahre ihre Freude darüber zum Ausdruck bringen, daß sich Realos und Fundis immer noch die Köpfe heißreden. Und daß die Alkoholiker sich endlich auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR besinnen und ihre Mehrwegflaschen in die bereitgestellten Sammelcontainer werfen. Seid nett zur Umwelt, seid nett zu den Grünen! Seid nett zu Vogel!

Ein letztes Wort noch zur PDS. Am Bahnhof Friedrichsfelde ist zu lesen: Die Alternative zum Kapitalismus – PDS. Soweit haben es die Genossen gebracht! Bis hierhin und nicht weiter. Ihre Partei als Alternative (und was für eine!) zu einem ganzen Gesellschaftssystem, das sich gerade übers deutsche Land ausbreitet, zu betrachten. Da nützt es wenig, wenn Karl, den die PDS unlängst in Charlie umbenannt und damit in die Nähe des Genossen Brown gerückt hat, auch die nächsten 99 Jahre seine Hände in die Hosentaschen steckt und verkündet: Entschuldigung Leute, war halt nur so 'ne Idee von mir. Darüber kann wohl nur die PDS selbst lachen. Mit Mutterwitz in die Opposition. Da freut sich der Gartenzwerg. Und mit Gartenzwergen hat sich sogar ein zwölfjähriger Junge eine goldene Nase verdient.

© Asteris & Ina Kutulas, 1990 (im Zwielicht)

 

Die Ereignisse des Jahres 1990 waren von historischer Dimension und nicht frei von Komik und tragischer Verquickung. Ich mußte ständig an das Gedicht "Deformationen" von Jannis Ritsos denken:

Jannis Ritsos
Deformationen

Diese Frau zählte viele schöne Liebhaber. Jetzt
hat sie genug davon; sie schminkt nicht mehr ihre Augen; zieht nicht mehr
die Härchen um ihren Mund mit der Pinzette einzeln heraus;
sie bleibt bis um zwölf Uhr mittags im breiten Bett;
ihr Gebiß hat sie unter dem Kopfkissen liegen. Die Männer
bewegen sich nackt von einem Zimmer zum andern, sie gehen
oft ins Bad, drehen mit großer Vorsicht die Wasserhähne zu;
rücken wie zufällig eine Blume auf dem in der Mitte des Zimmers stehenden Tisch zurecht
im Vorbeigehen, so lautlos, widerwillig, so ohne Leidenschaft jetzt.
ohne Ungeduld und Geilheit, – die Leidenschaft indessen
ist deutlicher noch zu erkennen, wenn sie verlischt. Der Männer dichte Behaarung
lichtet sich, verwelkt, ergraut. Die liegende Frau
schließt die Augen, um die Zehen ihrer Füße nicht länger sehen zu müssen,
die voller Schwielen, ganz deformiert; sie, die einst robuste –
hat nichtmal die Kraft, die Augen soweit zu schließen, wie sie will,
so beleibt, versunken in ihrem Fett, erschlafft,
wie die Dichtung wenige Jahre nach der Revolution.

Athen, 29.1.72
© Übertragen von Asteris Kutulas

Ritsos sah sich zeit seines Lebens mit den unterschiedlichsten Deformationen konfrontiert – mit gesellschaftlichen, geistigen, politischen und psychischen Miß- oder Verbildungen, mit gewissen Konstellationen, Energiezuständen und mit Bildern, die in unserem Kopf, vor unserem inneren Auge ablaufen, was philosophisch treffend mit dem "großen Unterbewußtsein" umschrieben wurde, das dafür ein Reservoir bildet. Die Unmassen an Verdrängtem, unsere heimlichen und unheimlichen Sehnsüchte, verdichtete Ritsos zu phantasmagorischen Alpträumen des Tags und der Nacht – uns durch ihre Monstrosität die Gewißheit vermittelnd, sie hätten nichts, absolut gar nichts mit uns zu tun. Andererseits läßt es sich mit ihnen plötzlich leben, durch ihre poetische Ausformulierung werden sie uns seltsam nahegebracht, verlieren ihre erschreckende Fremdheit.

Das Konzept dieser strapaziösen, schmerzlichen und zum Teil befreienden Poetik bildete die Grundlage für das einstündige „Deformationen“-Programm, dessen Musik- und Klangstruktur von Dietrich Petzold und Jannis Zotos entwickelt wurde. Unser Freund Stefan Körbel produzierte diese Aufnahme und wollte sie im DDR-Rundfunk spielen, was aber, glaube ich, nicht gestattet wurde.

Deformationen-Programm
Alle Texte von Jannis Ritsos
Asteris Kutulas, Übersetzung & Rezitation
Jannis Zotos, Gitarre & Bouzouki & Percussion, Vocals
Dietrich Petzold, Violine & Percussion, Vocals

Mehrmals aufgeführt zwischen 1985 und 1989, live aufgenommen 1988 in Ostberlin.

 

 

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